Die Essenz der Psychoenergetik

Die Essenz der Psychoenergetik

5. Mai 2014

Der vorliegende Text will in knappen Worten verständlich machen, worin das Wesentliche der Psychoenergetik besteht. Er ist das Ergebnis zweier ausführlicher Diskussionen anlässlich eines Workshops an der Jahrestagung der Gesellschaft für Psychoenergetik GPE im September 2013 und eines Folgetreffens im Januar 2014. Am Text mitgewirkt haben Susanne Fernandez, Margret Häussermann, Norbert Petersen, Beat Ringger und Doris Spörri. Die Textredaktion besorgte Beat Ringger.

Begriffe, vor denen ein Pfeil steht (->), werden im weiteren Verlauf des Textes genauer erläutert. Es handelt sich um Begriffe, die spezifisch der Psychoenergetik zuzuordnen sind und von Peter Schellenbaum geprägt wurden. Sie werden an der Stelle fett hervorgehoben, an der sie das erste Mal erläutert werden. Wir wählen die weibliche Form mit dem grossen I, um immer beide Geschlechter zu bezeichnen (Beispiel: TherapeutIn)

Das zentrale Interesse und die Haltung der Psychoenergetik

Der Begriff der Psychoenergetik wird im Text in einem doppelten Sinn verwendet. Einerseits bezeichnet er eine differenzierte und offene Form der Psychotherapie, die von Peter Schellenbaum1 entwickelt und von ihm als psychoenergetische Therapie2 bezeichnet worden ist. Andererseits verstehen wir Psychoenergetik aber auch als eine Kultur der Lebensgestaltung, bei der es insbesondere um die Wahrnehmung und die Gestaltung des psychischen Geschehens geht, wie es sich in und zwischen Menschen abspielt. Beidem – der Therapie und der Kultur – gemeinsam ist ein bestimmtes Interesse und eine klar benennbare Haltung.

Das zentrale Interesse der Psychoenergetik gilt einer wachen, bezogenen Lebendigkeit. Wache Lebendigkeit entsteht durch eine weite und vorbehaltlose Wahrnehmung all dessen, was sich im Moment ereignet, und bezieht insbesondere auch die eigene Körperlichkeit mit ein (-> Spürbewusstsein). Bezogenheit meint, das eigene psychische Geschehen ebenso ins Gespür zu nehmen wie das Beziehungsgeschehen und die Lebendigkeit anderer Menschen. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei auch auf das, was zwischen Menschen entsteht. Sie erkennt und benennt den besonderen Gehalt dieses „Zwischen“ und bezeichnet es als dritten Leib. In dem Masse, wie ein Mensch aus einer wachen Lebendigkeit heraus handelt, ist er authentisch. Dieses Handeln unterscheidet sich deutlich vom Agieren. Agieren ist meist blind für wichtige Teile des Eigenen ebenso wie für wichtige Teile des Beziehungsgeschehens.

In einem therapeutischen Setting nimmt die Psychoenergetik gegenüber dem, was sich aus wacher, bezogener Lebendigkeit ereignet, eine demütige Haltung ein. Sie will den Gehalt, die Inhalte und die Formen dieser Lebendigkeit nicht bestimmen.

Die Psychoenergetik kennt die Risiken, die in der Konfrontation mit komplexhaftem psychischem Leid entstehen können. Deshalb soll niemand in Bereiche gelockt oder gestossen werden, die für sie oder ihn im gegebenen Moment nicht zu bewältigen sind. In einem therapeutischen Setting wird darauf geachtet, ausschliesslich von den Lebensäusserungen der ->SelbstinitiantIn auszugehen (-> Energiesignale). Damit wird auch

der Tendenz entgegengewirkt, dass die TherapeutIn unbewusst eigene Wünsche und Projektionen in das Geschehen hineinträgt.

Psychoenergetik wendet sich ganz dem unmittelbaren Geschehen zu und der Vielfalt der Äusserungen in diesem Geschehen. Sie ist besonders aufmerksam auf scheinbar unbedeutende Äusserungen, in denen sich oft gerade jene Impulse melden, die den Weg aus der Blockade und in die Entwicklung weisen (- >Energiesignale).

Psychoenergetik versteht psychische Prozesse als Wechselspiel voller Paradoxien und voller Überraschungen. Sie öffnet sich vorbehaltlos gegenüber dem, was sich in einem seelischen Geschehen zu erkennen gibt und verzichtet dabei auf jede Wertung. Erst der vorbehaltlose Einbezug scheinbar „schlimmer“ und „schlechter“ Regungen, Bilder und Wünsche bringt die Lebensenergie wieder in Fluss, bietet die Chance, wieder in Bezug zu seinen Lebenswünschen zu kommen und gleichzeitig auch die Lebenswünsche Anderer zu respektieren.

Die Psychoenergetik unterscheidet klar und deutlich zwischen dem bewusst wahrgenommenen seelischen Geschehen einerseits und den Konsequenzen andererseits, die daraus allenfalls gezogen werden. Im Bezug auf Letzteres ist es unerlässlich anzuerkennen, dass alle Menschen Anspruch auf ein erfülltes Leben haben.

Psychoenergetik als Therapie

Wir schildern das therapeutische Vorgehen im Folgenden anhand folgender Schlüsselbegriffe: SelbstinitiantIn, Energiesignal, Resonanz, Spürbewusstsein, Spontanritual.

Die Person, die mit sich und an sich arbeiten will, wird als SelbstinitiantIn bezeichnet. Mit diesem Begriff soll unterstrichen werden, dass das entscheidende Geschehen von ihr ausgeht und in ihr stattfindet. Die TherapeutIn versteht sich als RegieassistenIn: Das zentrale Bemühen besteht darin, den SelbstinitiantInnen zu ermöglichen, die spürbewusste Regie über ihre psychischen Prozesse zu übernehmen. Die SelbstinitiantIn arbeitet dabei mit sich, das heisst sie arbeitet mit dem, was im Moment aus dem Eigenen auftaucht, und sie arbeitet an sich, indem sie in der spürbewussten Regie dem Eigenen den gerade anstehenden Wandel ermöglich

Zu Beginn einer therapeutischen Sequenz wird die SelbstinitiantIn eingeladen, ihr Anliegen zu formulieren. Damit erhält die folgende Arbeit ein Thema und eine mögliche Entwicklungsrichtung. Die Psychoenergetik geht davon aus, dass sich jedes psychische Geschehen auch in energetischer Form ausdrückt. Von besonderer Bedeutung sind Veränderungspotentiale, die sich mit energetischen Signalen bemerkbar machen. Von diesen lässt sich die TherapeutIn in der Folge leiten. Erst in zweiter Linie achtet er oder sie auf die verbal ausgedrückten Inhalte. Die Aufmerksamkeit gilt dabei dem Geschehen in allen beteiligten Personen: in den SelbstinitiantInnen, bei Gruppentherapien in den anwesenden Drittpersonen und bei der TherapeutIn selbst (->Resonanz).

Wie erwähnt geht die Psychoenergetik davon aus, dass psychisches Leiden durch komplexhafte Bindung von Lebensenergien entsteht. Für die leidende Person ist es ohne Unterstützung von aussen oft nicht möglich den Weg aus dem Leiden zu finden. Im therapeutischen Setting werden die psychischen Energien erheblich aktiviert und damit auch

jene Anteile in der SelbstinitiantIn, die von der traumatischen hin zur erotischen Spur drängen.

Diese Anteile äussern sich oft nur in scheinbaren Nebensächlichkeiten, die von Schellenbaum als Energiesignale bezeichnet werden und denen eine Tendenz der Weitung, der Entkrampfung innewohnt. Dabei kann es sich beispielsweise um eine Veränderung im sprachlichen Ausdruck handeln: Die Stimme senkt sich, einzelne Worte werden betont, auf eine Äusserung folgt eine Pause. Oder es kommt zu besonderen Gesten; der Blick verändert sich; bestimmte Körperteile werden verstärkt durchblutet, der Atem wird tiefer und so weiter. Typischerweise sind solche Energiesignale mit der Antitendenz der gleichzeitigen Rücknahme gekoppelt. In dieser Antitendenz äussern sich all jene Kräfte, die eine Veränderung vermeiden wollen. Ebenso typisch ist, dass die Energiesignale der SelbstinitiantIn zunächst nicht bewusst sind.

Eine der zentralen Fähigkeiten einer psychoenergetisch arbeitenden TherapeutIn besteht darin, solche Energiesignale zu erkennen. Sie werden in der Folge genutzt, um im psychischen Geschehen der SelbstinitiantIn einen neuen Entwicklungspfad zu öffnen. Die TherapeutIn lädt die SelbstinitiantIn dazu ein, das Signal bewusst wahrzunehmen und zu verstärken, etwa durch die Aufforderung, bestimmte Gesten oder Worte zu wiederholen oder sich an einer signalisierenden Stelle des Körpers selbst zu berühren4. Oft ereignet sich aus dieser Wahrnehmung heraus etwas Neues, werden überraschende Gefühle, Erinnerungen, Bilder, Wünsche geweckt. Oft verstärkt sich parallel dazu aber auch die Abwehr, der Widerstand gegen das Neue.

Die TherapeutIn achtet beständig auch darauf, was in ihr selbst wach wird. Sie ist dabei besonders offen für Unerwartetes, etwa für eine leise Wut, die oberflächlich betrachtet vielleicht nicht zur Situation zu passen scheint. Ein solches inneres Mitschwingen mit dem Geschehen bezeichnet Schellenbaum als Resonanz.

Resonanz ist die Leitspur für Einschätzungen des therapeutischen Geschehens und für Vorschläge, dem Geschehen Form zu geben. Dabei ist es unabdingbar, zwischen Resonanz einerseits und seelischen Äusserungen aus der eigenen persönlichen Problematik andererseits zu differenzieren. Letzteres wird in der Psychoanalyse als Gegenübertragung bezeichnet. Resonanz unterscheidet sich von solchen Gegenübertragungen. Empfindungen sind dann resonant, wenn sie - auch wenn sie schwierig und unangenehm sind – bei der TherapeutIn keine zwangshaften Reaktionen auslösen. Gegenübertragungen wirken hingegen beengend auf das Geschehen und haben die Tendenz, die TherapeutIn in Beschlag zu nehmen. Bei der Resonanz gelingt es ihr oder ihm, die Empfindung oder Emotion im innerpsychischen Raum zu „halten“ und schwingen zu lassen. Dabei hilft die spürbewusste Wahrnehmung.

Die bewusste Wahrnehmung der körperlich-energetischen Vorgänge nennt Schellenbaum Spürbewusstsein. Eines der Merkmale psychoenergetischer Therapie und psychoenergetischer Alltagskultur ist es, mehr und mehr Anschluss an dieses Spürbewusstsein zu finden und es schliesslich kontinuierlich wirken zu lassen. In der Therapie geht es also immer auch darum, die SelbstinitiantIn zu befähigen, diese Form der Selbstwahrnehmung zu etablieren und in den Alltag zu integrieren. Als Anker dafür besonders geeignet sind Selbstberührungen an jenen Stellen des Körpers, die sich während

eines Spontanrituals als Energiesignal bemerkbar gemacht haben.

Spürbewusstsein ist auch noch in einer weiteren Hinsicht bedeutsam. In intensiven psychischen Prozessen besteht die Gefahr, von starken Gefühlen überschwemmt und überwältigt zu werden. Ein wichtiger Weg, um solche Retraumatisierungen zu verhindern besteht darin, die Aufmerksamkeit immer wieder spürbewusst auf die körperliche Ebene zu verschieben. Dies geschieht, mit der Frage, was im Moment die intensivste leibliche Empfindung ist. Durch diese zeitweilige Trennung von Emotion und Empfindung in der Wahrnehmung ergibt sich eine leichte Distanznahme zum emotionalen Geschehen, und es entsteht wieder Raum dafür zu merken, was sich sonst noch ereignet und meldet.

Schellenbaum bezeichnet den gesamten Ablauf, der sich in einem psychoenergetischen therapeutischen Setting ergibt, als Spontanritual. Damit wird ausgedrückt, dass sich das Wesentliche nur spontan ereignen kann. Der ritualisierte therapeutische Rahmen bietet dafür Schutz und Sicherheit.

Arbeitsinstrumente und Interventionen

Mit den Begriffen SelbstinitiantIn, Energiesignal, Resonanz, Spürbewusstsein, Spontanritual ist der Kern der psychoenergetischen Arbeitsweise beschrieben. An diesen Kern fügen sich unterschiedliche therapeutische Interventionen an, die dem psychischen Geschehen Ausdruck und Deutlichkeit geben. Die psychoenergetische Arbeitsweise kann als eine Art Steckerleiste5 verstanden werden, an die eine grosse Vielfalt von Arbeitsinstrumenten und Interventionen angeschlossen werden können. Dies macht es möglich, die Psychoenergetik mit vielen Therapieformen zu kombinieren. Insofern ist die Psychoenergetik der Kern einer eigenen Therapierichtung und beschreibt gleichzeitig eine essenzielle Dimension eines jeden wirksamen therapeutischen Geschehens.

Schellenbaum hat sich für sein eigenes Repertoir an Interventionen von den verschiedensten therapeutischen Richtungen inspirieren lassen, von der Gestalttherapie, der Psychotherapie, der Tiefenpsychologie, von körperorientierten Therapieformen, Psychodrama, Rollenspielen, Focusing. Eine typische Interventionsform ist zum Beispiel folgende: Bei SelbstinitiantInnen, die von einem Dilemma berichten, lädt die Therapeutin dazu ein, dieses Dilemma mit zwei Kissen im Raum anzuordnen und sich auf den jeweiligen Kissen ganz der einen oder andern Seite hingeben – bis in aller Regel ein dritter Standpunkt entsteht, der aus dem Dilemma herausführt (die erwähnte Aufmerksamkeit auf Energiesignale und Resonanz läuft dabei ständig mit).

Andere Interventionsformen sind etwa die gespielte Konfrontation mit einer Person, in die man sich in Konflikten verstrickt erlebt, oder - in Gruppentherapien - der Einbezug dessen, wie Gruppenmitglieder das Geschehen erleben. Besondere Beachtung schenkt Schellenbaum den Träumen, die von ihm in ihrer Ganzheit als Energiesignal aufgefasst werden. Entscheidend ist bei all diesen Formen immer wieder, die Aufmerksamkeit auf körperliche und energetische Vorgänge zu lenken. Träume etwa werden nicht nur erzählt, sie werden auch körperlich inszeniert und gerade dadurch in ihrer energetischen Geladenheit verfügbar.

Der Herzschlag der Psychoenergetik: Die Nachtmeerfahrt

Die Tiefenwirkung der Psychoenergetik wird deutlich am Archetypus der Nachtmeerfahrt. Die in diesem Archetyp eingefangene Transformationskrise ist der eigentliche Herzschlag des therapeutischen Geschehens. Der Begriff der Nachtmeerfahrt geht laut Wikipedia „auf den Völkerkundler Leo Frobenius zurück. Demnach folgen die Mythen solarer Götter und Helden dem Bild des Sonnenlaufs: Die Sonne geht im Westen im Meer unter (wird verschlungen). Auf ihrem Weg durch die Tiefe wird sie von allerlei Gefahren der Finsternis bedroht bis sie schließlich im Osten neugeboren wieder aufersteht“6. Eine bekannte biblische Geschichte einer Nachtmeerfahrt ist diejenige des Propheten Jonas, der von einem Wal verschluckt und nach drei Tagen wieder ausgespuckt wird. In der Psychologie meint Nachtmeerfahrt das sich Einlassen auf eine seelische Krise, deren Ausgang ungewiss ist; auf das Dunkle, das keine Orientierung bietet; auf eine Reise, auf der man von seelischen Stürmen geschüttelt und vom Unbewussten verschlungen werden kann.

Blockierte Lebensenergien können nicht befreit werden, ohne dass dies eine – kleinere oder grössere – Nachtmeerfahrt auslöst. Denn es ist ja gerade der Sinn der Blockade, Risiken abzuwehren. In Krisen geraten keineswegs nur Menschen, die „psychische Probleme haben“. Krisen sind im Leben jedes Menschen unvermeidlich, etwa in der Ablösung aus der mütterlichen Geborgenheit oder im Abschied von der eigenen Jugend. In solchen Übergängen geht die Sicherheit des Bisherigen verloren, und das Danach ist (zumindest emotional) noch weitgehend unbekannt.

Ein therapeutisches Setting kann die nötige Sicherheit gewähren, um Nachtmeerfahrten einzugehen. Nachtmeerfahrten – die übrigens keineswegs immer dramatische Formen annehmen müssen – sind der Herzschlag des therapeutischen Geschehens. Der Sog ins Dunkle, das Eintauchen in seelische Tiefen sind dabei unumgänglich. Würden wir diesem Sog nun aber verfallen, wären wir „dem Untergang geweiht“. Deshalb muss in einer Nachtmeerfahrt die Schwelle in ein Neues genommen werden. Dafür braucht es drei Dinge: Die spürbewusste Wahrnehmung dessen was geschieht; das Erkennen einer neuen Entwicklungsspur und die Aneignung dessen, was wir zur Entwicklung nun brauchen.

Die Psychoenergetik in der Gesellschaft

Die Geschichte der Psychotherapie war von Anbeginn durch Aufspaltungen und Differenzierungen gekennzeichnet. Nebst vielen anderen Verzweigungen ist es zu einer oftmals feindseligen Trennung zwischen den erkenntnisgeleiteten Therapien eines Freud oder Jung einerseits und den wirkungsorientierten Kurztherapien andererseits gekommen. Freud und Jung sind in ihren Therapien eigentümlich unkörperlich geblieben, unaufmerksam gegenüber dem leiblichen Geschehen in den KlientInnen, was ein wesentlicher Grund dafür sein mag, dass die gesprächsorientierten Therapieformen der Gründerväter oft langwierig waren. Jedenfalls entstand in der Folge eine Vielfalt von therapeutischen Ansätzen, die auf unmittelbare Wirkung abzielten. Diesen Kurztherapien mangelt es jedoch oft an Tiefe und an Bezug zu den existentiellen Fragen des Menschseins. Die Psychoenergetik erlaubt es, diese Trennung systematisch und praktisch aufzuheben. Sie erschliesst den direkten Zugang zum energetisch- therapeutischen Geschehen, lässt sich von diesem leiten und bezieht daraus ihre Wirksamkeit. Sie ermöglicht den Einbezug einer Vielzahl von Interventionen und den

Anschluss an die Tiefen des seelischen Geschehens, ohne sich darin zu verstricken. Dabei findet die eher kausal orientierte freud'sche Psychoanalyse ebenso ihren Platz wie die finale Suche der jung'schen Tiefenpsychologie. Während erstere die Gründe des seelischen Geschehens erhellen und dadurch blockierende Verknotungen lösen will, wendet sich letztere stärker den seelischen Wachstumsimpulsen zu.

Die Achtsamkeit auf die Energie der psychischen Prozesse ist keineswegs nur im therapeutischen Geschehen sinnvoll, sondern ebenso in der alltäglichen Lebensgestaltung, in der Beziehung zum eigenen inneren Geschehen, in der Beziehung zu andern Menschen, in der Arbeit mit Gruppen und in Organisationen. Psychoenergetik ist deshalb auch eine Kultur der Lebensgestaltung, in der all die oben beschriebenen Aspekte einfliessen.

Die Psychoenergetik schöpft aus der Fülle des einzelnen Lebens, beugt sich aber auch den Grenzen, die aus den Lebensumständen entstehen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, drängen oft zur Unterwerfung und zur Entfremdung von sich selbst. Auch wenn sich durch eine Therapie dabei neue Deutungs- und Handlungsmöglichkeiten eröffnen, werden die Verhältnisse und ihre Wirkung dadurch nicht einfach eliminiert.

Die Haltung der Psychoenergetik zu solch gesellschaftlichen Verhältnissen ist im besten Sinn subversiv. Durch die Achtsamkeit auf die energetischen Prozesse unterläuft sie blockierende Strukturen. Die Psychoenergetik ist deshalb auch ein Plädoyer für eine Gesellschaft, die der Subversion immer wieder die nötige Wirkung zugesteht.

1 . Peter Schellenbaum wurde am 30. April 1939 in Winterthur (Schweiz) geboren. Er studierte Theologie und arbeitete als Studentenpfarrer in München. Später liess er sich am C.-G.-Jung-Institut in Zürich in Analytischer Psychologie ausbilden und wirkte dort als Lehranalytiker, Studienleiter und Dozent. Von 1993 bis 2013 leitete er sein eigenes Ausbildungs- und Therapieinstitut in Orselina/Locarno. Die AutorInnen des vorliegenden Texts haben alle die Lehrausbildung absolviert, die Schellenbaum in seinem Institut angeboten hat.

2 Der Begriff der Psychoenergetik hat ein deutscher Heilkundler urheberrechtlich schützen lassen. Schellenbaum hat deshalb den zusätzlichen Begriff der Leibpsychotherapie geprägt, um seinen Therapieansatz eindeutig zu bezeichnen. Eine Internet-Suche (September 2013) nach dem Begriff ‚Psychoenergetik‘ erbringt Hunderte von Treffern, die sich auf die Arbeit Schellenbaums beziehen; dem steht ein einziger Treffer auf die Site des erwähnten Heilkundlers gegenüber. Psychoenergetik geht davon aus, dass psychisches Leid Ausdruck sich widersprechender psychischer Kräfte ist. Die Lebensenergie wird dabei in komplexhafter Weise gebunden und in ein kompensatorisches Geschehen abgeleitet. Im betroffenen Menschen wirken jedoch gleichzeitig auch Kräfte, die nach der Lösung des Knotens suchen (-> Energiesignale). Die Psychoenergetik will bewirken, dass sich die oder der Betroffene dieser Suche zuwenden kann.

3 Das Begriffspaar traumatische und erotische Spur geht auf Peter Schellenbaum zurück. Solange ein innerer Konflikt komplexhaft gebunden ist, sucht die betroffene Person auf der traumatischen Spur nach 'Lösungen'. Der Wechsel auf die erotische Spur bringt diesselbe Ausgangssituation in ein neues Licht. Beispielsweise könnte auf der traumatischen Spur die Verantwortung für den Schmerz über eine Trennung der andern Person zugeschrieben werden, woraus sich der Schmerz erst recht festsetzt. Der Wechsel könnte dadurch ausgelöst werden, dass derselbe Schmerz als Ausdruck der eigenen Lebendigkeit erfasst und als solches angenommen wird. Oder aber auch ganz anders: Die traumatische Spur wäre geprägt von einem allzu intellektuellen, "verständnisvollen" Umgang mit dem eigenen Schmerz, erst das Zulassen einer Wut über die Ex-PartnerIn ermöglicht den Wechsel. Der Wechsel auf die erotische Spur kommt aus der betroffenen Person selbst und kann nicht rezepthaft ausgelöst werden.

4 Es fällt auf, dass solche Handlungen zum (meist unbewussten) Alltagsverhalten vieler Menschen gehören. Damit werden lösende, erdende, mit sich selbst verbindende Energien gestärkt.

5 Die Analogie mutet etwas technisch an. Wir erachten sie gleichwohl als treffend, und da uns nichts Besseres eingefallen ist, belassen wir es bei der S^teckerleiste.

6 http://www.symbolonline.de/index.php?title=Nachtmeerfahrt, 30.12.13